Medizinische Innovationen aus ärztlichen Praxen

In ihrem Artikel „Medizinische Innovationen: Warum wir Förderstrukturen für Ideen aus der Praxis brauchen“ im Deutschen Ärzteblatt 50/2014, leiten die Autoren Ulmer und Scheller unser Augenmerk dankenswerter Weise auf ein sträflich vernachlässigtes Thema. Medizinische Expertise von fast 200.000 niedergelassenen Ärzten liegt wissenschaftlich brach. Zwar will sicher nicht jeder Arzt klinisch wissenschaftlich tätig sein; viele aber doch, wenn Sie nur könnten und wüssten wie. Zugleich wird hier ein Potential von erheblicher volkwirtschaftlicher Bedeutung ignoriert. Das eigentliche Problem hat jedoch noch weitere Dimensionen. Es fehlt nicht nur der inhaltliche Beitrag der niedergelassenen Kollegen, die für die Versorgung von über 70% aller in Deutschland behandelten Patienten versorgen (Bundesministerium für Gesundheit 2012; 60 Mio Patienten p.a.). Im Unterschied zu anderen Gesundheitssystemen ist in der Bundesrepublik die fachärztliche ambulante Versorgung nicht am Krankenhaus konzentriert, sondern liegt bei niedergelassenen Fachärzten. Hierdurch ist das Fachwissen dort konzentriert und sollte uns allen auch bei der Beantwortung aktuellen medizinischer Fragestellungen verfügbar gemacht werden. Aus einer bundesweiten durchgeführten Befragung niedergelassener Kollegen verschiedener Fachrichtungen, geben über 85% an, dass sie wissenschaftlichen Fragestellungen im Kopf haben, die sie für relevant halten. Alle geben als Gründe Zeitmangel und ökonomischen Druck an, weswegen sie sich nicht näher damit beschäftigen. Sie sind mit den Arbeiten, die sich aus ihrem Versorgungsauftrag ergeben und den Belastungen, die sich aus der zum Teil unternehmerischen Tätigkeit ergeben, voll ausgelastet. Sie wünschen sich Strukturen, die es ihnen ermöglichen, Freiräume zur Weiterentwicklung ihrer Idee zu schaffen, ihnen temporären Zugang zu inhaltlicher Kompetenz, zu Studiendesign geben und personelle Unterstützung bei der Datenakquise und Auswertung ermöglichen. Aus langjähriger Erfahrung sehen wir, dass klinisch-praktisch tätige Kollegen sich sehr gut mit den aktuellen praxisorientierten Entwicklungen ihres Bereichs auskennen und weiterentwickelt haben, jedoch die Komplexität, und oft auch die Zeitdauer und Intensität der nötigen akribischen Arbeit unterschätzen, bis die Ergebnisse vorliegen. Außerdem scheuen sie das Einarbeiten in die sich in den letzten Jahren geänderten rechtlichen und deutlich verschärften regulatorischen Angelegenheiten. Die zu erwartenden mittelfristigen und langfristigen ökonomischen Einsparungen, die sich durch Einbeziehen dieses außeruniversitären medizinischen Fachwissens ergeben, sollten durch vergleichsweise geringe Fördersummen erzielbar sein. Durch strikt patientenorientierte Forschung ließe sich die Attraktivität der Bundesrepublik erhöhen und somit ein Wettbewerbsvorteil sichern. Für Patienten ergibt sich die Möglichkeit frühzeitig am medizinischen Fortschritt teil zu haben. Zudem können Studien, die die demographischen Gegebenheiten und tatsächlich vorhandene Krankheitsstruktur berücksichtigen, Aussagen für eine größere Patientenanzahl liefern. Eine stärke Vernetzung aller Erbringer von Gesundheitsleistungen zur Erfassung von Patientendaten unter striktesten Datenschutzkriterien kann dies unterstützen. Im Zeitalter der weltumspannenden und allzeit verfügbaren Informationen, dürfen wir auch von unseren Patienten wachsendes Wissen um ihre Erkrankungen und zunehmende Mündigkeit erwarten, vor allem wenn sie auch in Patientenverbänden organisiert sind. Dies sollten wir für eine Partnerschaft nicht nur in der Behandlung, sondern auch für wissenschaftliches Arbeiten nutzen. Vorhandene Organisationen und Strukturen benötigen eine Orientierung zum Markt und bessere Präsenz. Hierzu gehören z. B. Koordinierungszentren für klinische Studien (KKS) und Ethik-Kommissionen, die über das rechtliche und regulatorische Know-How verfügen. Berlin hat weltweit anderen Metropolen den Rang abgelaufen, was die Umsetzung innovativer Ideen in jungen Unternehmen anbelangt. Für die Umsetzung medizinischer Innovation aus der Praxis ist der politische Wille mit Etablierung von physikalischen und digitalen Kommunikationsplattformen, geeigneter finanzieller und struktureller Förderung und strikte Expertenbegutachtung (peer-review) von aus den Praxen entwickelten Projekten essentiell. Eine weitere Voraussetzung für Unabhängigkeit von industrieller Forschung ist eine Änderung der Mentalität, für Wissen und Innovation als Arzt direkt zu zahlen. Dies implementiert eine Umverteilung von gezahlten Leistungen mit höherer Transparenz. Eine Orientierung zu nicht nur kommerziell getriebenen Entwicklungen stärkt das Vertrauen in Forschungsergebnisse und die Akzeptanz bei der Umsetzung bei Behandelnden und Patienten. Das Einbeziehen von praktisch tätigen Ärzten in die lebhafte Start-Up Szene ermöglicht insbesondere, Synergien in Gesundheitsbereich zu heben. Wir alle werden davon profitieren, wenn wir Forschungsergebnisse bekommen, die nicht nur das Prädikat tatsächlich „evidenzbasiert“ erhalten, sondern auch “für unsere Patienten geeignet“.

© 2018 MEDIACC GmbH